KEIN DURCHBLICK OHNE GESUNDE AUGEN

Nicht jedes Kind bastelt gern. Und im Sportunterricht wird auch nicht immer jeder Ball gefangen. Und welches Kind hat in den ersten Schuljahren keine krakelige Schrift und kommt nicht oft hundemüde aus dem Unterricht? Das ist alles völlig normal - oder doch nicht?

 

Wenn Kinder sich mit dem ersten Lesen und Schreiben schwertun, wenn sie mit dem Schulstoff hinterherbleiben, ja selbst wenn sie überdreht oder gar aggressiv auftreten, ist nicht selten eine unentdeckte Fehlsichtigkeit die Ursache dafür, dass das Kind hinter seinen schulischen Möglichkeiten weit zurückbleibt und Verhaltensauffälligkeiten zeigt. Längst sind verschiedene Formen der Sehschwäche keine Randerscheinungen mehr: Nahezu jedes fünfte Kind – immerhin 18 Prozent – kann nicht richtig sehen, Tendenz steigend.

 

Unzureichende Vorsorgeuntersuchungen

Warum die Beeinträchtigung der Sehleistung im Kindesalter oftmals unbemerkt bleibt, liegt auf der Hand: Bei den in der Schweiz üblichen Vorsorgeuntersuchungen wird die Sehleistung des Kindes in zu grossen Abständen und zu spät kontrolliert, als dass Fehlentwicklungen des kindlichen Auges verlässlich und frühzeitig genug erkannt würden. Daneben bemerken die betroffenen Kinder ihr eingeschränktes Sehvermögen selbst häufig nicht. Weil sich beispielsweise die Kurzsichtigkeit allmählich verstärken kann und nicht schmerzt, gibt es für Kinder keinen Anlass zur Beschwerde, schlimmer noch: Mehr oder weniger bewusst wenden sie Verhaltensmuster an, mit denen die nachlassende Sehschärfe kompensiert werden soll: Sie schreiben vom Nachbarn ab, was sie an der Tafel nicht erkennen können, sie lesen und schreiben mit der Nase und krabbeln in das Fernsehgerät, immer bemüht, den Abstand zum fixierten Objekt zu verringern. Aufgaben, die eine gute Feinmotorik erfordern, meiden diese Kinder, die mit dem Zusammenkneifen der Augen und häufigem Blinzeln die mangelnde Sehschärfe auszugleichen versuchen.

 

Sehbeeinträchtigt oder lernschwach?

Dieses Verhalten kann gravierende Auswirkungen auf den Lernerfolg der Kinder haben. So werden an die Tafel geschriebene Buchstaben und Zahlen nicht erkannt und verwechselt – vor allem, wenn die sehschwachen Kinder wie alle coolen Schüler in den letzten Reihen des Klassenraums sitzen. Fachleute bezeichnen dieses Verhalten als „Tafelflucht“. Die Lese- und Rechenkompetenz – Grundlagen jeden Lernerfolgs – werden auf diese Weise nachhaltig beeinträchtigt. Und mehr noch: Ein Kind, das aus dem näheren Schulheft des Nachbarn abschreibt und den Nebenmann nach dem unlesbaren Tafelbild befragt, kommt langsamer voran und steht früher oder später unter Zeitmangel und Lernstress. Der abschreibende und nachfragende Schüler wirkt zudem unkonzentriert, schwatzhaft und im schlimmsten Fall betrügerisch – und wird entsprechend häufig vom Lehrer in seinem Fehlverhalten zurechtgewiesen.

 

Gravierende körperliche Folgen

Neben der so kultivierten und manifestierten Unlust am Lernen kann eine Sehschwäche auch körperliche Folgen nach sich ziehen. Permanent überanstrengte Augen verursachen Kopfschmerzen, der Lernstress führt zu Müdigkeit und Erschöpfung. Balancestörungen und innere Unruhe, mangelnde Aufmerksamkeit und Belastbarkeit sowie ein auffälliges Sozialverhalten lassen sich auf eine unbehandelte Sehschwäche zurückführen. Das betroffene Kind bleibt bei den in Schule und Freizeit gestellten Anforderungen zurück, ist in seiner geistigen wie körperlichen Entwicklung gehemmt und erzielt nur verminderte Lernerfolge. Frühzeitig werden so Bildungs- und Berufsperspektiven verbaut – was vermeidbar ist, denn Sehschwächen können recht einfach mit einer Sehhilfe ausgeglichen werden. Eine möglichst frühzeitige Vorsorge empfiehlt sich.

 

Kurzsichtigkeit weltweit auf dem Vormarsch

Warum aber nimmt die Kurzsichtigkeit bei Kindern während der Schulzeit zu? Die Ursachen hierfür sind nicht nur genetischer Art, sondern auch umweltbestimmt. Grundsätzlich wird das sich entwickelnde Auge zu häufig auf zu nahe Objekte gerichtet. Wenn Kinderaugen auf die Bildschirme von Computer, Fernseher, Smartphone und Co. schauen, muss sich ihre Linse enorm krümmen, um das nahe Geschehen zu erfassen. Häufig auf den Nahbereich fokussiert, erhält das Auge falsche, weil einseitige Wachstumsanreize und verlernt den scharfen Blick in die Ferne. Der Brennpunkt von in das Auge fallenden Lichtstrahlen bildet sich nicht auf, sondern vor der Netzhaut ab, sodass weiter entfernte Objekte nur unscharf wahrgenommen werden können – eine Fehlentwicklung, die durch vermehrtes Stubenhocken noch verstärkt wird. Denn ausser Haus – beim Spaziergang, aber auch schon beim Fussballspiel im Hof – übt sich der Blick im Weitsehen. Zudem regt auf die Haut treffende Ultraviolettstrahlung, anders als künstliche Beleuchtung, die Produktion von Vorstufen von Vitamin D an und setzt Dopamin und andere Botenstoffe frei, die das Augenwachstum positiv beeinflussen. Doch der Trend geht genau in Richtung (spielerische und berufliche) Naharbeit am PC und vermehrten Aufenthalt im Kinderzimmer und Büro.